Rein technischer Hochwasserschutz in FFH-Gebiet nicht möglich
Sundhausen ist ein südlicher Ortsteil von Nordhausen und liegt fast vollständig im Überschwemmungsgebiet der Helme. Deshalb war der Ortsteil in der Vergangenheit immer wieder von Hochwasserereignissen betroffen. Mit zunehmender Hochwasserhäufigkeit wurde deutlich, dass neben den Wohngebieten auch gewässernahe Gewerbegebiete gefährdet sind.
Ziel der Hochwasserfreilegung der Helme in Sundhausen und im Gewerbegebiet "An der Helme" in Nordhausen war, die Ortslage und das Gewerbegebiet bis zu einem hundertjährlichen Hochwasser zu sichern und gleichzeitig die Gewässerstruktur der Helme zu verbessern.
Ursprünglich als reine Hochwasserschutzmaßnahme geplant, stellte sich im Planungsverlauf heraus, dass Hochwasserschutz hier wegen des Verschlechterungsverbots nur zusammen mit einer ökologischen Aufwertung erfolgen kann. Denn der betroffene Helme-Abschnitt befindet sich im FFH-Gebiet "Helme mit Mühlgräben" mit besonders schützenswerten Arten wie der Bachmuschel (Unio crassus), dem Bachneunauge (Lampetra planeri) und der Westgroppe (Cottus gobio). Die Gewässerentwicklungsmaßnahmen erfolgten als Ausgleichs- bzw. Ersatzmaßnahmen für die technischen Hochwasserschutzmaßnahmen.
Die Hochwasserschutz- und Gewässerentwicklungsmaßnahmen an der Helme in Sundhausen wurden von 2009 bis 2012 umgesetzt. Maßnahmenträger war die Thüringer Landesanstalt für Umwelt und Geologie Jena (TLUG), die für die Helme als Gewässer 1. Ordnung unterhaltungspflichtig ist. Die Projektkosten betrugen ca. 6 Mio. Euro und wurden zu 75 % aus Mitteln des Europäischen Fonds für Regionale Entwicklung (EFRE) und zu 25 % durch den Freistaat Thüringen finanziert. Mehr dazu: Finanzierung und Förderung von Gewässerrenaturierungen
Maßnahmen für Hochwasserschutz und naturnahe Gewässerentwicklung an der Helme bei Sundhausen
Die technischen Hochwasserschutzmaßnahmen innerhalb und außerhalb von Sundhausen umfassten folgende Komponenten:
- Errichtung eines Polders im Nebenschluss mit Hochwasserentlastungsanlage außerorts,
- Ertüchtigung der Deiche und Ufermauern innerorts, und
- Ausbau des Gewässerquerschnitts innerorts.
Oberhalb von Sundhausen wurde ein Polder inklusive Klappenwehr und die dazu gehörende Hochwasserentlastungsanlage errichtet. Der Polder soll 420.000 m³ Wasser im Fall eines hundertjährlichen Hochwassers oberhalb der Ortslage Sundhausen zurückhalten. Dabei wird der Abfluss in der Helme von 63,4 m³/s auf 52,5 m³/s reduziert. Diese Entlastung oberhalb reduzierte die notwendigen Ausbaumaßnahmen innerorts.
In Sundhausen wurden auf einer Länge von ca. 1.500 m Dämme saniert sowie 1.300 m Dämme bzw. 120 m Ufermauern neu errichtet. Dadurch konnte der schadensfreie Abfluss in der Ortslage von 40 m³/s auf rund 53 m³/s erhöht werden. Die Ortslage Sundhausen ist damit im Fall eines einhundertjährlichen Hochwassers hochwasserfrei.
Zudem wurde der Gewässerquerschnitt innerorts durch die Verbreiterung der Sohle von 6 auf 8–10 m vergrößert. In Folge der Querschnittsvergrößerung sinkt der Wasserspiegel im Hochwasserfall wiederum um einige Zentimeter. In Verbindung mit dem Rückhalt im Polder sinkt der Wasserspiegel in der Ortslage im Fall eines einhundertjährlichen Hochwassers um etwa 30 bis 40 cm.
Zur Kompensation aller durch die technischen Hochwasserschutzmaßnahmen entstandenen Eingriffe in Natur und Landschaft wurden zahlreiche Ausgleichs- und Ersatzmaßnahmen zur Strukturverbesserung der Helme durchgeführt:
- Herstellung der Durchgängigkeit,
- Profilaufweitung und Uferabsenkung,
- Strukturmaßnahmen (Neuprofilierung, Einbau von Abflusshindernissen etc.),
- Einbringen von Störsteinen und Stummelbuhnen als Strömungslenker,
- Gehölzpflanzungen, und
- Anlage von Gewässerrandstreifen und Zulassen von eigendynamischer Entwicklung.
So konnte trotz "grauer" technischer Maßnahmen eine strukturelle Aufwertung des Gewässers und eine naturnahe Gewässerentwicklung über "grüne" Ausgleichs- bzw. Ersatzmaßnahmen gewährleistet werden. Auch wirtschaftliche Interessen wurden durch den verbesserten Hochwasserschutz des angrenzenden Gewerbegebietes und durch die Möglichkeit zur weiteren landwirtschaftlichen Nutzung der Polderflächen berücksichtigt.
Mehr dazu: Hochwasser durch Renaturierung entschärfen

Hochwasserpolder im Außenbereich bei Sundhausen (2011)
Dieser Polder an der Helme soll 420.000 m³ Wasser im Fall eines hundertjährlichen Hochwassers oberhalb der Ortslage Sundhausen zurückhalten.
Quelle: Heiko Maulhardt / IB Meinecke GmbH

Klappenwehr für Hochwasserentlastung in den Polder (2018)
Aufgrund der kurzen Hochwasservorwarnzeiten von 4–8 Stunden wurden an der Helme bei Sundhausen selbsttägig arbeitende Wehrklappen zur Befüllung des Hochwasserpolders entwickelt.
Quelle: Marco Linke / Medieningenieurbüro Manntau

Hochwasservorsorge an der Helme in Sundhausen (2018)
Maßnahmen erreicht. Hier wird eine Hochwasserschutzmauer an einem Ufer mit einem aufgeweiteten Profil am anderen Ufer kombiniert.
Quelle: Marco Linke / Medieningenieurbüro Manntau
Wiederherstellung der ökologischen Durchgängigkeit an der Helme bei Nordhausen
In Nordhausen wurde die Durchgängigkeit der Helme durch eine Sohlschwelle beeinträchtigt. Die Sohlschwelle wurde zurück gebaut und durch eine flache, durchgängige Sohlgleite ersetzt. Diese hat eine Längsneigung von 1:60 und überwindet einen Höhenunterschied von 1 m. Eine zusätzliche Niedrigwasserrinne ermöglicht den Wasserlebewesen die Durchwanderbarkeit auch bei geringen Wasserständen. Mehr dazu: Maßnahmen für die Durchgängigkeit – wenn Hindernisse vorhanden sind

Sohlschwelle in der Helme bei Nordhausen vor Rückbau (2006)
Diese Sohlschwelle in der Helme bei Nordhausen hat die Durchgängigkeit für Fische beeinträchtigt.
Quelle: Falko Wagner / IGF Jena

Flache Sohlgleite in der Helme bei Nordhausen (2011)
Diese Sohlgleite wurde als Raugerinne mit Störsteinen umgesetzt. Sie dient als Fischaufstiegsanlage und ersetzt eine nicht durchgängige Sohlschwelle.
Quelle: Falko Wagner / IGF Jena
Aufwertung der Gewässerstruktur der Helme
Zur Verbesserung der Gewässerstruktur der Helme wurden Ufer abgesenkt, Profile aufgeweitet, Uferverbau entfernt, Gleit- und Prallufer angelegt, zwei Altarme reaktiviert, Kiesbänke angelegt und Strukturelemente wie Raubäume, Wurzelstubben oder Störsteine in den Sohlbereich eingebaut. Die einzelnen Maßnahmen waren vor allem auf die ökologischen Lebensraumansprüche der Zielarten Bachmuschel, Bachneunauge und Westgroppe ausgerichtet. Mehr dazu: Maßnahmen im Gewässer und im Nahbereich – wenn das Gewässerprofil und die Ufer verändert werden können

Helme kurz nach Maßnahmenumsetzung im April (2010)
Raubäume fördern die eigendynamische Gewässerentwicklung und dienen der Lebensraumverbesserung für Pflanzen und Tiere.
Quelle: Falko Wagner / IGF Jena

Hydromorphologische Strukturelemente in der Helme im September (2010)
Bereits fünf Monate nach Maßnahmenumsetzung ist zu erkennen, dass sich eigendynamisch eine Kiesbank entwickelt.
Quelle: Heiko Maulhardt / IB Meinecke GmbH

Renaturierte und abgesenkte Helmeufer in Sundhausen (2011)
Zur innerörtlichen Renaturierung der Helme wurde Uferverbau entfernt und die Ufer abgesenkt.
Quelle: Heiko Maulhardt / IB Meinecke GmbH
Anlage von breiten Gewässerrandstreifen an der Helme
Zur Wiederherstellung von naturnäheren Verhältnissen wurde außerhalb von Sundhausen an der Helme ein 10 m breiter Gewässerrandstreifen ausgewiesen und mit standorttypischen Gehölzen (z. B. Erlen) bestockt. Dieser Streifen verbindet als ökologischer Korridor verschiedene aquatische und terrestrische Lebensräume. Zudem erhöht sich durch den Eintrag von Laub und Totholz das Nahrungsangebot im Gewässer. Ufergehölze beschatten das Gewässer, welches sich folglich in sonnenreichen Sommern weniger stark erwärmt. Mehr dazu: Maßnahmen im Gewässer und im Nahbereich – wenn das Gewässerprofil und die Ufer verändert werden können
Hochwertige Habitate für FFH-Arten an der Helme
Trotz des in der Vergangenheit durchgeführten, umfangreichen Gewässerausbaus und der Laufbegradigung handelt es sich bei dem Helme-Abschnitt im Bereich Sundhausen, einschließlich seiner Aue, um ein für den Artenschutz sehr bedeutsames Gebiet. Die Helme zählt in Nordthüringen zu den Hauptverbreitungsgebieten der Bachmuschel. Die Bachmuschel ist in Deutschland vom Aussterben bedroht, weshalb die reproduzierenden Bestände in der Helme von bundesweiter Bedeutung sind. Zudem haben sich trotz des Ausbaus sehr gute Bestände des Bachneunauges und der Westgroppe erhalten. Im Umfeld wurden Fischotter (Lutra lutra) nachgewiesen.
Die Renaturierungsmaßnahmen an der Helme (Gewässerprofilierung, Anlage von Kiesbänken als Laichhabitate, Anlage von Gleit- und Prallufern, Einbau von Totholz in Form von Raubäumen und Wurzelstubben) dienten der Lebensraumverbesserung von FFH-Arten wie Bachmuschel, Fischotter, Westgroppe, Bachneunauge und Helm-Azurjunger. Zudem profitieren weitere geschützte Arten wie Edelkrebs, Eisvogel, Teichhuhn und verschiedene Fledermausarten von der Renaturierung.
Mehr dazu: Naturschutz und Gewässerentwicklung – ein schönes Paar
Erfolgskontrolle unter Einbindung von örtlicher Fachexpertise an der Helme
Vor der Planung der Renaturierungsmaßnahmen an der Helme erfolgten umfangreiche Voruntersuchungen, um die Besiedlungsschwerpunkte der geschützten und sensiblen Arten (z. B. Bachmuschel, Fischotter, Westgroppe, Bachneunauge, Helm-Azurjunger, Edelkrebs, Eisvogel, Teichhuhn) im Gebiet zu lokalisieren und konkrete Maßnahmen zu deren Erhaltung oder Neuentwicklung abzustimmen und festzuschreiben. Die Wirksamkeit bereits umgesetzter Maßnahmen wird regelmäßig überprüft, um Planungen und Ausführungen immer wieder kritisch zu überdenken. Im Mittelpunkt dieser Erfolgskontrollen steht dabei der Erkenntnisgewinn zur Optimierung der neu entstehenden Lebensräume.
In Abstimmung mit der Thüringer Landesanstalt für Umwelt und Geologie (TLUG) und dem Institut für Gewässerökologie und Fischereibiologie Jena (IGF Jena) wurden Fachkräfte aus heimischen, ehrenamtlichen Naturschutzgruppen und dem Angelverein in die Datenerfassung und Maßnahmenplanung einbezogen. Diese Zusammenarbeit wurde über die Planungsphase hinaus auch in der weiteren Bauausführung beibehalten. Mehr dazu: Erfolgskontrolle mit Monitoring vorher / nachher und Kooperation und Partizipation für erfolgreiche Renaturierungen